Unser Buch unter Kritik

Magdalena Scharl· erstellt am: 15. November 2011 11:38 Uhr

Buchtipp: entfesselt im Rollstuhl

Geschichten aus dem Leben kommentiert aus Hundesperspektive. Ein wohltuend anderes Buch über Behinderung.

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Deckblatt: Entfesselt im Rollstuhl

Kein Wunder, geht die Initiative und die Autorenschaft doch von Expertinnen und Experten in eigener Sache aus. DI Klaus Tolliner hat auf BIZEPS-INFO schon von der Buchpräsentation berichtet.

Zwei befreundete Jugendliche verbringen gemeinsam mit ihren Müttern einen Strandurlaub. Dabei tauschen sie ihre Erfahrungen, Zukunftspläne und Träume aus, denn wo kann man besser träumen als am Meer? Beide haben seit Geburt eine Behinderung (Spina Bifida), weshalb sie durchs Leben rollen. Ihre Erlebnisse scheinen mir, die ich auch eine Behinderung habe, mehr als vertraut.

Dennoch: Sie sind nicht so grundlegend verschieden von jenen anderer junger Menschen. Als sich die beiden mit anderen Jugendlichen austauschen, stellt sich heraus, dass auch ohne Behinderung der Weg zum Traumjob oft kurvig verläuft und die Wünsche sich gar nicht so sehr unterscheiden.

Was das Buch auch für Betroffene zu einer teils amüsanten Lektüre macht, sind die frechen Kommentare der Partnerhunde, die oft geradezu philosophischen Charakter haben.

Ein Beispiel gefällig? Bitte: „Menschen sind Zweibeiner ohne Flügel. Sie sind sehr stolz darauf, dass sie (…) gehen können. (…) Gehen ist für Menschen also sehr wichtig, und dennoch erfinden sie immer mehr Hilfsmittel, damit sie nicht gehen müssen. (…) Wenn sie nicht fahren, dann sitzen sie, meistens jedenfalls. Wir glauben, wer gehen kann, aber nicht geht, ist wichtig. (…) Wer nicht gehen KANN, ist fremd, unheimlich und verunsichert manchmal andere. (…) Egal, wie viele Hilfsmittel jemand der nicht gehen KANN hat, Rollstuhl, Monoski, Handbike, Hubschrauber, es bleibt dabei, wer nicht gehen KANN, ist ‚behindert’. (…) Wer gehen kann, es aber nicht tut, ist nicht behindert, er oder sie ist mobil, sportlich, interessant – einfach wichtig.“

Einzelne Passagen dieses Buches sind meines Erachtens auch als unverkrampfter Zugang zu den Themen Behinderung und Anderssein für Kinder ganz gut geeignet. Die geschilderten Alltagserlebnisse umfassen alle Lebensbereiche.

Die Sichtweisen der rollstuhlfahrenden Protagonisten einerseits und jene ihrer Mütter andererseits werden durch die Hundeperspektive ergänzt und ergeben so ein vielseitiges Bild – individuell, bunt und energiegeladen – eben: entfesselt. Die gängigen Klischees werden ordentlich durchgeschüttelt und neu zusammengefügt. Denn was ist denn eigentlich „behindert“? Was ist „normal“?

Es gibt in diesem Buch ein einziges Kapitel, das leider bei mir persönlich einen traurigen Nachgeschmack hinterlässt. Schade, dass gerade ein derart umstrittenes, konfliktbeladenes Thema wie die Fruchtwasseruntersuchung den Schlusspunkt eines insgesamt so zuversichtlichen Buches bildet.

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